Brenzlige Einsätze und viel Arbeit am Schreibtisch

Bernhard Meyr tritt nach 24 Jahren als Kreisbrandrat ab. Er hat in dieser Zeit einiges erlebt. Manchmal geriet er selbst in heikle Situationen

Wenn ein Kreisbrandrat zu einem Einsatz gerufen wird, ist meist ein größeres Unglück passiert. Das wusste Bernhard Meyr genau, als er 1989 – gerade einmal zwei Monate in diesem Amt – zu seiner ersten Bewährungsprobe unterwegs war. In Itzing brannte ein landwirtschaftliches Anwesen. „Ich fuhr da mit zitternden Händen hin“, berichtet Meyr. In dem Monheimer Stadtteil erlebte er dann auch gleich, wie brenzlig und stressig so ein Großeinsatz für den Hauptverantwortlichen sein kann. Es wäre noch eine Person in dem lichterloh brennenden Gebäude drin, hieß es vor Ort. Im letzten Moment, bevor der Kreisbrandrat entscheiden musste, ob er noch einen Trupp in das bereits vom Einsturz bedrohte Bauwerk schicken soll, kam jemand um die Ecke und teilte mit, alle wären in Sicherheit.

Einige Momente später geriet der oberste Feuerwehrmann im Donau-Ries-Kreis in Itzing selbst in Gefahr: Aus dem Stall rannten völlig panische Rinder auf die Straße – und direkt auf Meyr zu. Der rettete sich mit dem damaligen Donauwörther Polizei-Chef Albin Margraf im letzten Moment über eine schätzungsweise 1,80 Meter hohe Mauer. „Ich weiß bis heute nicht, wie ich da hochgekommen bin“, sagt der Wemdinger, der inzwischen darüber schmunzeln kann.

24 Jahre später bringt Bernhard Meyr nichts mehr so leicht aus der Ruhe. Er hat Hunderte von Einsätzen geleitet, Tausende von Stunden der Feuerwehr gedient und dabei so ziemlich alles erlebt, was dieser Job mit sich bringt. Bald endet für den 61-Jährigen dieses Kapitel. Meyr tritt – wie gemeldet – nicht mehr für dieses Amt an. Es sei an der Zeit, dass ein neuer Mann ans Ruder komme. „Frischer Wind“ sei wünschenswert. Freilich bekennt Meyr auch: „Irgendwie ist es doch ein tiefer Einschnitt.“ Die große Abschiedsrede möchte er bei der Versammlung am Samstag in Wemding nicht halten. Die Emotionen könnten ihn überkommen, wie der Kreisbrandrat im Gespräch mit unserer Zeitung sagt. Er blickte deshalb lieber im Vorfeld im kleinen Kreis der Führungskräfte der Kreisbrandinspektion auf fast zweieinhalb Jahrzehnte zurück.

„Der Feuerwehrdienst ist meine innerste Leidenschaft und von christlichem Verantwortungsbewusstsein getragen“, so Meyr. Er trat mit 17 Jahren der Wemdinger Wehr bei und übernahm im Laufe der Jahre mehrere übergeordnete Führungspositionen bis hin zum Kreisbrandrat. Allein fast 25000 Stunden habe er für diese Funktion aufgewendet.

In der öffentlichen Wahrnehmung steht die Hilfe bei Unglücken an vorderster Stelle. Hier hat Meyr eine ganze Menge erlebt. Im Gedächtnis hängen geblieben sind ihm die Flugzeugabstürze in Warching (1998) und Lechsend (2003), das schwere Zugunglück in Tapfheim (2001), der Katastrophenalarm durch das Jahrhunderthochwasser 1994, das Pfingsthochwasser 1999, die Stürme Wiebke (1990) und Lothar (1999), schreckliche Verkehrsunfälle mit bis zu fünf Toten und große Brände, beispielsweise in Harburg (zwei Tote, 2010), in Rain (Firma Terrasan, 2010) und zuletzt die mysteriöse Serie im östlichen Ries (Brandstiftungen in Maschinenhallen). Meyr verhehlt nicht, dass sich solche Ereignisse in sein Gedächtnis eingebrannt und Spuren hinterlassen haben.

Besonders in Erinnerung blieb ihm auch der Großbrand 2004 auf einem Bauernhof bei Nähermemmingen. Der Piepser ertönte ausgerechnet in dem Moment, als Bernhard Meyrs Frau Theresia ihren 50. Geburtstag feierte. Das Feuer war so gewaltig, dass der Familienvater – er hat vier Söhne – die private Feier in Wemding eilends verlassen musste. Der feine Anzug, den er trug, war nach dem Einsatz ruiniert.

Die Arbeit eines Kreisbrandrats sei meist aber viel weniger spektakulär: „Die Schreibtischarbeit hat trotz EDV während meiner Amtszeit explosionsartig zugenommen.“ Die Organisation von Leistungsprüfungen, das Verfassen von Stellungnahmen zu Brandschutzkonzepten, Fahrzeugbeschaffungen und Feuerwehrhausbauten, Tagungen, Sitzungen, Kontaktpflege und „Überzeugungsarbeit bei den Bürgermeistern“ – diese und andere Tätigkeiten hat Meyr 24 Jahre lang erledigt: „17 bis 20 Anrufe pro Tag sind normal.“

Bernhard Meyr bezeichnet sich als Harmoniemensch. Er habe stets auf Kollegialität und Kameradschaft innerhalb der Feuerwehr im Landkreis gesetzt. Er habe sich stets auf die Loyalität der Kreisbrandinspektoren und -meister verlassen können. Der Zwist um die Unterstützungsgruppe Örtlicher Einsatzleiter in Donauwörth sei der einzige richtige Ärger gewesen. „Das hat mir auch wehgetan“, sagt Meyr dazu. Sachliche Diskussionen – auch wenn sie hart gewesen seien – habe er nie gescheut.

Dies sei der Fall gewesen, als Überlegungen laut wurden, kleine Dorffeuerwehren doch lieber zusammenzulegen. Meyr war und ist strikt dagegen: „Wir brauchen bei größeren Einsätzen jeden kleinen Trupp. Der Erhalt jeder Dorffeuerwehr ist heute wichtiger als je zuvor.“ Dies habe sich erst kürzlich wieder beim Feuer in einem Schweinestall in Mönchsdeggingen gezeigt. Die Dorfwehren hätten die nötigen Ortskenntnisse und könnten wertvolle Arbeit leisten: Hydranten setzen, Schlauchleitungen legen, Vieh aus dem Stall holen. Wenn dann die Stützpunktfeuerwehren anrücken, könnten diese gleich mit dem Löschen anfangen – „sonst haben wir einen Zeitverlust von zehn Minuten.“ Mittlerweile habe das „jeder kapiert“, stellt Meyr fest.

Ein wachsendes Problem sei die Tatsache, dass immer mehr Aktive ihren Arbeitsplatz fern ihrer Heimat haben. Dies wirke sich negativ auf die Einsatzbereitschaft der Feuerwehren auf dem flachen Land aus. Wiederholt sei es vorgekommen, dass eine Wehr wochentags bei einer Alarmierung nicht einmal fünf Kräfte zusammenbrachte. Aus Personalmangel aufgelöst hat sich bislang nur die Feuerwehr in Christgarten im Ries: „Die hatte nur noch acht Aktive.“ Für die 169 bestehenden Wehren im Landkreis sieht Meyr derzeit keine Gefahr: „Wir haben momentan nirgends gravierende Probleme.“

Sorgen bereitet dem Kreisbrandrat die ständig zunehmende Zahl der Kleineinsätze: „Wir werden zu Dingen rausgeholt, da dachte vor 20 Jahren keiner daran.“ Heutzutage werde die Feuerwehr gerufen, um tote Hunde von der Straße zu holen („das steht in keinem Verhältnis“), um Äste von der Fahrbahn zu ziehen („was auch andere Leute schnell erledigen könnten“) oder um Keller auszupumpen, in denen das Wasser nur einen Zentimeter hoch steht und auch aufgewischt werden könnte. Hier dürfe man die Loyalität der Arbeitgeber nicht überstrapazieren, die ihr Personal zu den Einsätzen eilen lassen.

Das Spannungsfeld zwischen Beruf und Ehrenamt kennt Bernhard Meyr bestens. Er ist Chef eines Familienbetriebs. Dass die Installationsfirma mit derzeit acht Beschäftigten trotz seiner häufigen Abwesenheit läuft, liege allein daran, dass seine Ehefrau und sein Bruder die Fäden mit in der Hand halten, so der Elektromeister. Der kann sich nun bald wieder verstärkt seiner Betrieb und seiner Familie widmen.

Die Feuerwehr werde ihn freilich weiter interessieren: „Ein überzeugter Feuerwehrmann bleibt auch im Ruhestand immer ein Feuerwehrmann.“ Für das 150-jährige Jubiläum der Wemdinger Wehr 2014 hat er bereits die Schirmherrschaft übernommen.

 

Feuerwehrmann aus Leidenschaft: Bernhard Meyr ist seit 24 Jahren Kreisbrandrat. Die vier roten Balken auf dem Helm sind Zeichen dieses Amts. Am Samstag wird Meyrs Nachfolger gewählt. (Quelle: Donauwörter Zeitung)

 

 

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